pro Su-Ro - Bergstadtbote Dezember 2021

4 Zum Advent holen wir aus der Schatztruhe der Religionsgeschichte ein Ereignis voller Spannung hervor. Kurz vor Weihnachten jährt sich dieses heuer zum 200. Mal. Es geht um einen zerplatzten Traum… Nichts hätte sich Buchdrucker Seidel sehnlicher gewünscht, als die Wiedervereinigung der Christenheit. Selbst Sohn eines evangelischen Pfarrers, verbreitete der visionäre Verleger auch Schriften katholischer Autoren. Seit 1807 residierte er im vormaligen Residenzschloss seiner gemischtgläubigen Heimatstadt. Von dort aus hatte Pfalzgraf Christian August 1652 das „Sulzbacher Simultaneum“ initiiert, zur Gleichberechtigung aller Gläubigen. Johann Esaias Seidel nahm diesen Ball auf. Ab 1810 etablierte er im Schloss eine interkonfessionelle Bibelanstalt. Die Heilige Schrift sollte zur Brücke zwischen den getrennten Geschwistern werden: in Form der ersten gemeinsamen Bibelausgabe für Lutheraner, Reformierte und Katholiken – eine Sensation! Als Partner für das gewagte Projekt gewann Seidel den ExMönch Leander van Eß aus Marburg. Dessen Übersetzung des Neuen Testaments erschien alsbald in Sulzbach in hoher Auflagenstärke. Bayerns erster König Max Josef erteilte der Innovation begeistert sein Privilegium. Bald gab es das „Sulzbacher NT“ in allerlei Aufmachungen, auch in Großdruck für Senioren. Mit den Geldern der protestantischen „Britischen und Ausländischen Bibelgesellschaft“ konnte man eine sechsstellige Anzahl an Exemplaren verbreiten. Es war die Zeit, als nach Einführung der Schulpflicht mehr und mehr Menschen lesen konnten, aber durch Kriege, Säkularisation und andere Umwälzungen große Unsicherheit herrschte. Evangelischer- wie katholischerseits entstanden Initiativen, um Gottes Wort als Orientierung bis in die letzten Winkel zu tragen. Dabei kam es auch zu ökumenischen Kooperationen. Seidel, mutig wie Dr. Markus Lommer, Heimat(er)kunde(n) Nr. 20: Die verbotene Bibel – zur Indizierung des ökumenischen „Sulzbacher NT“ vor 200 Jahren Ab 1810 erschien in Sulzbach die ökumenische van Eß-Bibel in unzähligen Varianten. Für Katholiken war das Neue Testament daraus seit Weihnachten 1821 von Rom aus verboten (nicht jedoch das Alte Testament). Im Sulzbacher Seidel-Saal kam die letzte Auflage 1887 aus der Druckerpresse. Evangelische Verlage boten die Übersetzung noch in den 1970er Jahren an. (Originale/Foto: ml) Handschrift des Marburger Bibelübersetzers Leander van Eß (Brief an Seidel in Sulzbach von 1816. Original: Verlagsarchiv Seidel; Foto: Stadtarchiv Su.-Ro.) er war, knüpfte daran an. Im Vatikan freilich sah man dies mit Besorgnis… Damals liefen im Sulzbacher Schloss bis zu 19 Druckerpressen, viele davon für die Bibelsache. Ihr widmete Seidel den Großteil seiner Kraft. Mittlerweile kannte das „Sulzbacher NT“ fast ganz Deutschland. Viele Bischöfe unterstützten seine Verbreitung. Über eine Drittelmillion (!) an Exemplaren waren gedruckt, als am Kirchenhimmel Gewitterwolken aufzogen: Schon 1818 hatte man Leander van Eß aus konservativen Kreisen heraus heftig attackiert. Zugegeben: Im Kampf für das damals noch

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