pro Su-Ro - Bergstadtbote Juli 2022

4 * Kalender-Reform: Durch Diskrepanzen mit dem Sonnenjahr hatten sich beim seit 45 v.Chr. geltenden „Julianischen Kalender“ bis zur Frühen Neuzeit erhebliche Probleme durch Verschiebungen der Tag/Nacht-Gleichen aufgehäuft. Papst Gregor XIII. ließ dies 1582 durch Einführung eines neuen Modells bereinigen. Gegen diesen „Gregorianischen Kalender“ aus Rom sperrten sich evangelische Länder lange. So galten im Deutschen Reich bis 1700 zwei Kalendersysteme zugleich, die um zehn Tage differierten. Bestattungen www.ms-bestattungen.de Georg-Schiffer-Str. 4 24 Stunden 0 96 22 / 704 330 5 SULZBACH-ROSENBERG Kugelplatz 7 24 Stunden 0 96 61 / 813 624 0 Jedem Leben ein Zeichen setzen Für Sie im gesamten Landkreis und auf allen Amberger Friedhöfen Mit Eröffnung des Geschichtspfads im Stadtgraben (2. Juni) ist das „Sulzbacher ß“ noch ein Stück weiter in die Öffentlichkeit gerückt. Doch stammt das scharfe Ess nun wirklich aus der Herzogstadt…? Wir fragen nach bei zwei Jubilaren des Jahres 2022, die wir für ein fiktives Interview im Himmel aufeinandertreffen ließen: Pfalzgraf Christian August (CA) und Professor Dr. Walter Höllerer (WH). WH: Gott zum Gruß, Durchlaucht! Ihr könnt ja am 26. Juli Euer 400. Wiegenfest feiern. CA: Seid gegrüßt, hochgelehrter Herr! Da habt Ihr Recht und doch nicht. Ich kam 1622 zu Sulzbach auf evangelischem Territorium zur Welt. Da galt noch der „Julianische Kalender“*, nach dem mein Geburtstag der 16. Juli war. 1652 habe ich das „Simultaneum“ der Konfessionen eingeführt, zum 1. Advent 1655 den „Gregorianischen Kalender“*. Nach diesem bin ich am 26. Juli geboren, dem St. AnnaTag. An diesem trat ich 1656 zur katholischen Kirche über. WH: Gut, dann können wir nach moderner Zählung also doch am Annabergfest auf Euren Jubeltag anstoßen. Nun aber von den Kalenderzahlen zu einem besonderen Buchstaben! Man sagt, das scharfe „ß“ sei zu Eurer Zeit in Sulzbach erfunden worden… CA: Oh, auch da müsst Ihr genauer hinsehen! Schon im frühen Buchdruck (15./16. Jh.) gab es in den Fraktur-Schriften eine Verschmelzung aus „Lang-s“ („ “) und „z“ zu einer einzigen Letter: „Eszett“. In den AntiquaSchriften [mit „Serifen“; z.B. Times New Roman] hatte man zwar schon bald /s-Ligaturen. Doch für die /z-Ligatur gab es noch keine elegante Form. Die brachte uns erst 1667 Abraham Lichtenthaler. WH: Wer war dieser Mann? CA: Mein erster Buchdrucker, den ich 1664 aus Nürnberg in meine Residenzstadt holte. Er druckte ab 1665 großartige Werke, die bald weithin bekannt waren. WH: Und sein „ß“ wurde dann überall verwendet…? CA: Gemach, Herr Professor. Diese Sulzbacher ß-Form haben längst nicht alle verwendet. Sie geriet sogar fast in Vergessenheit – bis sie Märchenbruder Jakob Grimm um 1820 ausgrub und propagierte! Doch Jahrzehnte später verwarf er sie wieder. WH: Ja, und dann…? CA: …folgte ein ziemliches Wirrwarr. Man druckte teils sz, teils ss, z oder s – in allerlei Formen. Ab den 1870ern rumorte es bei deutschen SchriftDr. Markus Lommer, Heimat(er)kunde(n) Nr. 25: Wie war das mit dem „ß“? – Christian August gibt Auskunft Die Interview-Partner: Prof. Dr. Walter Höllerer (1922–2003) im Literaturarchiv (Bild: Stephan Huber, AZ / Oberpfalz-Medien) und Pfalzgraf Christian August (1622-1708) im Rathaussaal (Ölporträt-Detail; Bild: ml). 1: Einzelbuchstaben +s in enger Stellung, 2: +s als Ligatur; 3: /z-Ligatur mit Unterschlinge, 4: Sulzbacher Form des „ß“ (aus: https://de.wikipedia.org/ wiki/%C3%9F). Im „Eszett“ lebt das heute längst vergessene lange „ “ noch weiter.

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