pro Su-Ro - Bergstadtbote September 2022

4 Glückwunsch zum 250. Geburtstag, Herr Doktor! Dr. Markus Lommer, Heimat(er)kunde(n) Nr. 27: Der Jubilar, den wir uns diesmal ins Gedächtnis rufen, hat einen klingenden Namen: „Dr. med. & phil. Christoph Raphael Schleis von Löwenfeld“. Am 21. September 1772 wurde er in der Sulzbacher Stadtpfarrkirche getauft, was für damals eine Geburt am selben Tag impliziert. Der Spross einer illustren Ärztefamilie, die in fünf Generationen bayerische Medizingeschichte schrieb, gilt seit dem gleichnamigen Regionalkrimi von Helma Koch als „Der erste Amtsarzt“: Auf ihn geht der moderne „Öffentliche Gesundheitsdienst“ mit seinen Gesundheitsämtern etc. zurück. Ein ähnliches Amt übte schon sein Vater Bernhard Joseph (1731-1800) aus, ab 1759 „Stadt- & Landgerichts-Physikus“ von Sulzbach. Der „Kurfürstliche Hof- & Medicinalrath“ diente zugleich Pfalzgräfin Franziska Dorothea als Leibarzt. Kurz vor Christophs Geburt publizierte er 1770 über die von ihm wiederentdeckte Heilquelle bei Großalbershof. Bereits um diese Zeit probierte der Pionier der Pockenschutzimpfung diese neue Prophylaxemethode an seinen Kindern. Sohn Christoph sollte später erreichen, dass Bayern als erstes Land die entsprechende Impfpflicht einführte. An medizinischem Fortschritt und Volksgesundheit war Christoph Raphael von Anfang an gelegen. Schon in seiner Promotion befasste er sich 1794 mit Ursachen und Bekämpfung der seinerzeit noch hohen Kindersterblichkeit. Im selben Jahr gründete er ein Ausbildungsinstitut für Wundärzte in Sulzbach. Als Stadtarzt von Schwandorf (seit 1798) verfasste er den bayernweiten Prototyp einer medizinisch- sozialtopografischen Ortsbeschreibung. Sie erschien 1799 und benannte im Rahmen der Gesundheitsaufklärung schonungslos zahlreiche Defizite. 1801 zurück in der Heimatstadt, publizierte er 1806 ein ebensolches Werk auch für Sulzbach. Sein Aufgabenspektrum dort: Kontrolle des gesamten Gesundheitswesens, der Apotheken, Spitäler, Siechenhäuser, auch der Schulen; zudem Armen- und WaisenPflege, Seuchen-Bekämpfung, Wehr tauglichkeit sprüfung, Verehelichungsstatistik etc. etc. 1809 beförderte man unseren Jubilar nach Amberg zum Amtsarzt der ganzen Oberpfalz. Sein Erstgeborener Max Joseph sollte am Münchener Hof noch größer Karriere machen: Er diente ab 1851 bzw. 1864 zwei Königen als Leibarzt und wurde 1886 Zeuge vom Seetod Ludwigs II. In der schwierigen Umbruchsphase der Jahrzehnte um 1800, als Sulzbach seine Eigenständigkeit als Residenzstadt wie als Regierungssitz verlor und unter allerlei Nöten litt, bis hin zur Brandkatastrophe von 1822, stützten drei „S“-Familien das Leben unserer Stadt massiv: Seidel (Buchdrucker/ Verleger), Schießl (Apotheker/ Bürgermeister) und eben Schleis von Löwenfeld (Ärzte). Ohne ihr großes gemeinnütziges Engagement wäre Sulzbach seinerzeit „den (Rosen-) Bach hinuntergegangen“. Doch traten Mitglieder dieser Familien, nachmals aus letzterem Adelsgeschlecht, nicht nur mit Innovationen hervor. Sie wagten es in ihrer intellektuellen Individualität vielmehr, nicht alles Traditionelle blindlings wegzuwischen, sondern auch gewisse Entwicklungen des Zeitgeistes durch kritische Augen zu sehen und mit scharfer Zunge zu kommentieren. Dass da, wie etwa Bernhard und Christoph Schleis zeigen, Licht und Schatten nahe beieinander lagen, lässt sich nicht verleugnen, aber bei näherer Betrachtung historisch-persönlicher Kontexte nachvollziehen. So stößt einem heutzutage vor den Kopf, wie negativ der Bislang unbekanntes Ölporträt des Dr. Christoph Raphael Schleis von Löwenfeld (Original: Privat; Foto: ml) Das Wappen der Schleis von Löwenfeld enthält auch zwei Sulzbacher Lilien. (Original/Foto: ml) Das originale Widmungsexemplar für Kurfürst Karl Theodor: Doktorarbeit von Christoph Schleis von Löwenfeld mit Begleitbrief seines Vaters Bernhard vom 25.09.1794. (Original/Foto: ml)

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